Juni 2017

06. Juni 2017

Die "Sonntagspflicht"

Wie viel Pflicht und wie viel Freiheit?

Es geht um die „Sonntagspflicht“. Alle Gläubigen, so sagt es das Kirchenrecht, sind zur Teilnahme an der sonntäglichen Messfeier verpflichtet. Ältere Bücher sprechen auch von der „Pflichtmesse“ am Sonntag und lassen nur wenige Ausnahmen zu. Anfang Mai hat nun der Pastoraltheologe Matthias Sellmann im Deutschlandfunk angestoßen, „von der Pflicht zur Freiheit“ zu kommen: Gottesdienst sei eigentlich schön, virtuos und inspirierend. Aber Fragen von Pflicht und Gültigkeit bzw. Routine machten ihn sehr bald unattraktiv.

Sofort fiel mir dabei ein Lied von Franz Josef Degenhardt ein, eine Karikatur auf sonntägliche Rituale, und der Kirchgang wird dort so beschrieben: „Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend, die sie heimlich vorwärts schieben, weil die gern zu Hause blieben! Und dann kommen sie zurück mit dem gleichen bösen Blick“ usw.

Gut ist für mich ein Gottesdienst, wenn ich nicht mit dem gleichen bösen Blick zurückkomme, mit dem ich hergekommen bin. Noch besser, wenn ich gar nicht erst mit einem bösen Blick hingehe; wenn ich nicht aus Pflichtgefühl und Anstand zur Messe gehe, sondern weil ich es will. Weil der Entschluss, zur Messe zu gehen, meinem freien Willen entspricht. Und nehmen wir einmal Kants Unterscheidung zwischen einem „Handeln aus Pflicht“ und dem lediglich „pflicht­gemäßen Handeln“ hinzu, könnte man fragen: Welchen Wert hat es, zur Sonntagsmesse zu gehen, nur weil es das Kirchenrecht verlangt?

In der aktuellen Debatte wird freilich nicht das Kirchenrecht kritisiert, sondern ein rein legalistisches Verständnis der „Sonntagspflicht“. Von der Pflicht zur Freiheit zu kommen, meint ausdrücklich nicht, sich der Beliebigkeit auszusetzen. Es heißt vielmehr, Ernst zu machen mit dem Bekenntnis und dem autonomen Entschluss, an einen personalen Gott zu glauben, der mir die Gemeinschaft mit sich anbietet, die ich suchen und leben darf.

Warum nun aber die Debatte um die Sonntagspflicht? Ich glaube, dass die laufende Diskussion überfällig ist, weil hinter ihr die größere Frage lauert, wie sich die Kirche in der Moderne entwirft: Wird sie zufrieden sein mit denjenigen, die ihre Sonntagspflicht hundertprozentig erfüllen? Oder muss sie im besten Sinne werben: für ihr Kerngeschäft, die Liturgie; für ihre Kulturleistungen; für ihre Gemeinschaft; für Transzendenzerfahrung?

Das Pfingstfest ist der Geburtstag von Kirche. Gibt es einen besseren Zeitpunkt, mich begeistern zu lassen und zu fragen, wie viel Pflicht und wie viel Freiheit mich bewegt?

Ein belebendes Nachdenken wünscht Ihnen Ihr

Dr. Christian Berkenkopf