Oktober 2017

01. Oktober 2017

»Vorsicht! Stolperkante«

»Vorsicht! Stolperkante« lese ich im Vorbeigehen und komme ins Schmunzeln über das Schild, das an der Kirchentür auf Bauarbeiten im Eingangsbereich hinweist. Ich komme ins Schmunzeln, weil ich mich erinnert fühlte an mein Studium in Bochum. Dort auf dem Campus wurden nämlich vor über 50 Jahren große Waschbetonplatten verlegt, jeder Weg führte über diese Platten. Mit der Zeit waren die Platten zu regelrechten Stolperfallen geworden: Manche wackelten nur, gelegentlich aber brach eine von ihnen ein, und man schaute in ein tiefes, schwarzes Loch. Im Grunde konnte es jede(n) treffen, und jeder Schritt war gewissermaßen ein Wagnis.

Stolpern hat bekanntlich viele Dimensionen. Wer stolpert, tappt ungeschickt im Dunkeln irgendwohin. Wenn ich stolpere, stoße ich (zufällig) auf ein Hindernis, und hoffentlich niemand wird über die Stolperkante in der Kirchentür zu Fall kommen. Stolpern meint aber auch, dass mich etwas unvermutet anspricht und mein Interesse weckt, sodass ich länger hinschaue.

Nun will ich etwas so Einfaches wie unser Stolperkantenschild nicht unnötig problematisieren. Aber ein Gedanke drängt sich mir sofort auf: Was wäre, wenn »Vorsicht! Stolperkante« mehr sagte als nur die Warnung vor dem Hinfallen? Wenn es vielmehr sagte: Vorsicht! Hier ist etwas ganz anders als Du denkst; etwas, das Dich unvermutet anspricht; etwas, wo Du genauer hinschauen kannst.

Ich weiß auch, dass niemand ausgerechnet wegen des Stolperkantenschilds in die Kirche kommt. Aber ich bin mir sicher, manch eine(r) kommt zu irgendeiner Zeit zufällig in die Kirche oder in die Gemeinde – und erfährt dort einen Ort kirchlichen Lebens, der unvermutet ansprechend ist; wo man länger hinschaut und wo man gern ist. Damit meine ich Erfahrungen und Begegnungen, über die ich in meinem Alltagserleben so stolpere, dass dieser Alltag sich verändert bzw. verwandelt wird. So verwandelt, dass ich diesen Alltag – meine Welt! – immer wieder mitbringen und in den größeren Zusammenhang des Glaubens stellen will.

Am 11. Oktober gedenken wir des Hl. Johannes XXIII., der 1962 eine Kirche beschrieb, »die den Menschen an sich dient, nicht nur insofern sie katholisch sind«. Ich wünsche uns diese Offenheit für Menschen, die uns entdecken, die zu uns stolpern und sich bei uns verwandeln lassen möchten. Das ist ein Wagnis wie die Bochumer Waschbetonplatten:

Manchmal bricht man ein, manchmal wackelt es, aber die meiste Zeit trägt es doch ziemlich sicher.

Einen guten Oktober wünscht Ihnen

Dr. Christian Berkenkopf