April 2017

03. April 2017

Über die Via Dolorosa zum Ostermorgen

Jedes Jahr beten zahlreiche Christen den Kreuzweg, indem sie sich betrachtend den Leidensweg Jesu und auch das Leid vieler Menschen vor Augen stellen und es betend vor Gott tragen.

Eine besondere Form dieses Gedenkens bildet auch das Kreuzweggebet in Rom am Kolosseum zusammen mit dem Papst. 

In Jerusalem ist es die Via Dolerosa – Schmerzensweg, jener Straßenzug der entlang des vermuteten Weges Jesu zur Hinrichtungsstätte führt, trägt diesen Namen und wird täglich von viele Pilgern durchschritten, einige laden sich dabei ein Pilgerkreuz auf die Schultern.

Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit in einer Gruppe diesen Weg nachzugehen. Überrascht war ich zunächst, die Via Dolorosa nicht als stille, zur Besinnung einladende, Straße vorzufinden. Tagsüber herrscht hier reges Treiben. In weiten Teilen der Straße findet der Basar statt. Die Händler haben das Sagen, preisen ihre Waren an und handeln wortreich mit den Kunden. Dazwischen flitzen Kinder durch das Gewirr der engen und meist schmutzigen Gassen. Soldaten und Polizisten sind auf ihren Kontrollgängen unterwegs.

Ob es damals vor 2000 Jahren ähnlich turbulent auf diesem Weg zuging? Da wurde ein Mann, von Soldaten begleitet, zur Hinrichtungsstätte geführt. Viele mögen dieses Geschehen in ihrer Geschäftigkeit kaum wahrgenommen haben, während Andere sich mehr oder weniger lautstark darüber austauschten, schaudernd oder selbstgerecht — durch Kreuzigung wurden schließlich Übeltäter, Verbrecher hingerichtet.

Entlang des Weges unterhalten heute verschiedene christliche Konfessionen kleine Kapellen oder Nischen, in denen einzelner Stationen des Weges Jesu gedacht wird. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die sechste Station, „Veronika reicht Jesus das Schweißtuch”. Über diese Stätte des Gedenkens wachen Mitglieder der Kongregation der „Kleinen Schwestern Jesu". Sie haben es sich zur Aufgabe ge­macht, mit dem Erlös vom Verkauf selbstgemalter Ikonen, Armen und Benachteiligten der Stadt zu helfen. Ihnen durch materielle Zuwendung und seelsorglichen Beistand das „Schweißtuch" zu reichen. Diese Stätte der lebendigen  Erinnerung und Aktualisierung war zutiefst beeindruckend.

Unwillkürlich wird die Frage wach, wo stehe ich in diesem Geschehen? Schultere ich ge­legentlich das Kreuz Jesu, indem ich anderen die Last des Lebens erleichtere? Stehe ich wie Veronika bereit, Mitmenschen wieder zu „Ansehen" zu verhelfen?

Oder finde ich mich eher unbeteiligt am Rande. Möglicherweise auch viel zu beschäftigt um wirklich wahrzunehmen was um mich herum geschieht, es zu bewerten und mich einzusetzen?

Von den Scharen, die Jesus damals, aus unterschiedlichsten Motiven, bis nach Golgotha gefolgt waren heißt es bei Lukas 24,48 — sie (die Scharen) schlugen sich an die Brust und wandten sich ab. Für sie war die Sache zu Ende —da war nichts mehr zu erwarten. Da waren aber noch die Frauen, die trotz der Hoffnungslosigkeit die Nähe Jesu an seinem Grab suchten. Sie durften am Ostermorgen als erste die Erfahrung machen, die auch uns mit heiligem Erschrecken erfüllen kann: ER LEBT!

Er lebt, nicht nur im Gedenken an seine Worte und Werke oder in der Eucharistie. Wir dürfen uns dem lebendigen Jesus anvertrauen, er begleitet unseren Weg, der auch ein Stück Kreuzweg sein kann. Er hat es versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage…“

Ihnen allen wünsche ich diese stärkende Erfahrung und nach dem durchschreiten der Passionszeit  von neuem den Osterjubel „Er lebt“ Halleluja!

ST